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\title{Rosa Einhörner}
\author{Florian Cramer}
\date{}

\begin{document}
\maketitle

\begin{quote}
``Outside the gates of heaven\\
Oh, there lives a unicorn\\
I close my eyes to seven\\
Oh, this world is not my home.''\\
(Modern Talking, \emph{In 100 Years} {[}1987{]})
\end{quote}

\hypertarget{einhorn-momentaufnahme}{%
\section{Einhorn-Momentaufnahme}\label{einhorn-momentaufnahme}}

Sucht man im Jahr 2018 die Wörter ``unicorn'' oder ``Einhorn'' mit
Googles \emph{Image Search}, zeigt sich die Veränderung des Fabeltiers
gegenüber früheren Jahrhunderten: Fast immer ist es weiß oder
pastellfarben, hat regenbogenfarbiges Haar, ist im Manga-Stil mit
kindlich-niedlichen Attributen gezeichnet oder computergerendert. Die
Bildkultur des Einhorns umfasst sowohl viral-anonym verbreitete und
-variierte `Meme'-Bilder in sozialen Medien,\footnote{Der Begriff des
  ``Memes'' wurde vom Evolutionsbiologen Richard Dawkins geprägt und
  beschreibt Information, die sich in Analogie zu Genen reproduziert,
  dabei mutiert und nach darwinistischem Prinzip überlebt oder abstirbt.
  In diesem Sinne sind nicht nur Internet-Witzbilder, sondern z.B. auch
  Markennamen, Werbeslogans und politische Propaganda Memes. Seit den
  2000er Jahren wird der Begriff des Memes allerdings fast
  ausschließlich für anonym produzierte, popkulturelle, witzig
  beschriftete Bilder im Internet verwendet.} als aus Kaufprodukte:
Einhorn-Schreibwaren, Einhorn-Spielzeuge, Einhorn-Kleidung und
-Bettwäsche, Einhorn-Kindermöbel, Einhorn-Gummiboote. Man kann Einhörner
essen, seitdem der Fleischwarenhersteller Puttkammer im Jahr 2017 eine
knallrosa gefärbte ``Einhorn-Bratwurst'' auf den Markt brachte, verpackt
mit einem regenbogenfarbigem Schriftzug sowie einem gezeichneten,
rosa-weißen, vor einem Regenbogen stehenden Einhorn. Laut Puttkammers
Firmensprecher hatte man sich durch die Tatsache inspirieren lassen,
dass es in Supermärkten ``alles nur noch mit Einhörnern'' gegeben habe,
einschließlich ``Schokolade, Saft, Kekse'';\footnote{(Boisserée).} wie
zum Beispiel die Ritter Sport \emph{Einhorn-Schokolade}, eine rosa-weiße
Tafel, auf deren rosa Verpackung ein gezeichnetes rosa-weißes Einhorn
vor einem Regenbogen steht, neben dem abgewandelten Werbemotto der
Marke, ``Quadratisch. Magisch. Gut.'' statt ``Quadratisch. Praktisch.
Gut''.

Die Schokoladenverpackung konserviert damit die kulturelle Konstante des
Einhorns in seinem Wandel vom mythischen Tier von Antike und Mittelalter
zum pastell- und regenbogenfarbigen Internet-Meme: seine Bedeutung als
magisches Wesen. Sie verbindet sich perfekt mit dem
populär-subkulturellen, halbironischen Konzept der ``Meme Magic'',
demzufolge Internet-Memes magische Symbole sind, mit denen sich unter
anderem Politik beeinflussen lässt, wie zum Beispiel im ``Meme War'' für
Donald Trump 2016. Einhorn und Meme-Kultur sind Verwandte, die einander
gefunden haben und deren Zusammenschluß auf der Hand liegt.

Allerdings beschränkt sich das heutige rosa Einhorn, wie Wurst und
Schokolade beweisen, weder auf Bilder, noch aufs Internet.

In den USA begann der Einhorn-Lebensmitteltrend im Jahr 2016, als die
Food-Bloggerin Adeline Waugh mit Farbpigmenten knallbunte, abstrakte
Formen auf Frischkäse-Toastbrote malte, Fotos davon im sozialen Netzwerk
Instagram teilte, wo sie als ``unicorn toasts'' die Runde
machten.\footnote{(Davis).} Das historisch junge Phänomen des
regenbogenfarbigen Einhorns hatte sich damit verselbständigt: Die
Regenbogenfarben waren (in metonymischer Verschiebung) nicht mehr
nebensächliches Attribut, sondern hauptsächliches
Identifizierungsmerkmal geworden und überflügelten das namengebende Horn
des Einhorns. Ein Jahr später folgte der Konzern Starbucks mit seinem
\emph{Unicorn Frappucino}, einem rosa-weißem Cremegetränk, im rosa
Becher mit darauf gezeichneter Kontur eines Pferdekopfs, den der
Strohhalm des Getränks zum Einhorn aufbohrte.

An diesen Beispielen zeigt sich, wie Produkttrends heute als Memes und
visuelle Populärkultur in sozialen Medien entstehen.\footnote{Vgl. die
  Medienwissenschaftlern Hannah Dick in (Davis): ``Our social media
  profiles are shaped around visual culture {[}\ldots{}{]} Instagram and
  Snapchat are now more popular than text-based social media platforms
  like Twitter and Facebook, so it's not surprising that rainbows,
  unicorns, and highly saturated multicolored representations have taken
  over the visual field''.} Jedoch sind diese Memes selbst Pastiches -
Kopien, Variationen und Mutationen - älterer populärer Bilder und
Produkte, die außerhalb des Internets entstanden sind.

Im Jahr 2013 trat der Popstar Miley Cyrus im Einhorn-Pyjama auf, in
Musikvideos sowie in der Öffentlichkeit. Damals feierte sie ihren
Durchbruch als erwachsene Popsängerin, die ihre Vergangenheit als
Kinderstar des Disney Channels mit einem neuen, radikal sexualisierten
Image abgestreift hatte. Es schloss kontroverse kulturelle Aneignungen
des afroamerikanischen \emph{twerking} ein\footnote{Von (Wikipedia,
  ``Twerking'') definiert als ``sexuell provokativer Tanzstil'', bei dem
  ``die Tanzenden hauptsächlich kreisende, ruckartige Hüftbewegungen
  ausführen''.} und gipfelte 2015 in einer vom umstrittenen Fotografen
Terry Richardson geschossenen, semipornografischen Fotoserie.

2014 und 2015 traten die Popstars Ariana Grande und Katy Perry im selben
Einhorn-Pyjama auf, das Cyrus getragen hatten. Alle drei Sängerinnen
positionieren sich feministisch und \emph{sex positive}, Cyrus als
selbstbeschriebene ``gender-neutrale, sexuell fluide'' Person, Perry als
LGBT-Unterstützerin, Grande als Kritikerin konservativer
Geschlechterrollen in der Musikindustrie. Mit ihren
Einhorn-Kostümierungen praktizieren sie ``Cosplay'', die aus der
japanischen Popkultur stammende Verkleidung als Comic-, Film- oder
Videospielfigur im öffentlichen Raum.

Genretypisch verbindet Cyrus', Perrys und Grandes Cosplay Magie mit
Verkindlichung und Verniedlichung. In der Summe ergibt dies
Märchenhaftigkeit, im oberflächlich geglätteten Sinne der Disney
Corporation, für die alle drei Sängerinnen gearbeitet haben. Zwei
weitere Attribute des heutigen, pastell-regenbogenfarbigen Einhorns
werden im Cosplay sichtbar: Erstens sexualisiert es das Einhorn - und
tarnt dies zugleich durch Verniedlichung. Zweitens zeigt sich an ihm die
Geschlechtsspezifik der heutigen Einhorn-Popkultur. Pastell- und
Regenbogenfarben stehen traditionell für homosexuell-queere Kultur. Das
im Einhorn-Cosplay auf die Stirn geschnallte Horn ist eng verwandt mit
Stirn-Umschnalldildos, wie sie vor allem in der Schwulenszene verbreitet
sind. Die rosa Einhorn-Bildkultur eignet sich diese Stilelemente als
vermeintlich weiblich-mädchenhaft-heterosexuelle Insignien an, deren
Geschlechtszuschreibung oberflächlich so konservativ bleibt wie rosa
Babykleidung.

Darin schließt die heutige Einhorn-Popkultur scheinbar bruchlos an
spätantike Mythologie an, derzufolge Einhörner nur von Jungfrauen
eingefangen werden können. Das rosa-regenbogenfarbige Einhorn ist in der
Summe seiner Attribute magisch und kindlich, cisgender-weiblich
\emph{und} queer, phallisch \emph{und} fluide. Seine Perversion ist
polymporph sowie kindlich-weibliches Privileg. Die Einhorn-Anzugträgerin
kann spielerisch fließen zwischen Sexualität und Asexualität, Kind- und
Erwachsensein, Mensch-, Tier- und Dingsein, Oralfixierung, phallischer,
vulvarer, hermaphroditischer und allen sonstigen Genitalität, zwischen
cis und trans, auto- und polysexuell.

Vergleicht man das spätantike Bild der Jungfrau und des Einhorns mit den
Popsängerinnen im Einhornkostüm, so dominiert im älteren Bild die
Paarbeziehung und im neueren die Autoerotik. Das \emph{Urban Dictionary}
definiert passend hierzu die Slang-Bedeutung von ``Unicorn'' als ``that
girl that you can't catch. Everything about her is so perfect (divine,
if you will) getting with her is unfathomable. {[}\ldots{}{]} But never
give up; unicorns are said to be `uncatchable,' but nothing is
impossible''.\footnote{(``Urban Dictionary''.)} Hier drehen sich die
Geschlechterrollen um: Nicht mehr ist das Einhorn ein phallisch
konnotiertes Tier, das durch eine Jungfrau einfangen wird, sondern es
ist eine jungfräulich konnotierte Frau, die fast unerreichbar ist für
den heterosexuellen Mann. Diese Bedeutung bleibt auch bei Cyrus, Perry
und Grande implizit erhalten: Sie praktizieren autoerotisches,
verniedlichtes \emph{cocooning} im Einhorn-Pyjama, das sowohl
polymorph-sexuell ist, als sich auch unschuldig gibt. Darin, dass das
Einhorn diese Gegensätze vereinigen kann, liegt seine magische Kraft.

Dabei vermengt sich das oft Einhorn mit ihm verwandten Tieren,
fantastischen wie realen: dem Pegasus, dem weißen Pferd und dem Pony.
2015 verbreitet der Popstar Taylor Swift via Instagram ein Foto von sich
in einem Pegasus-Gummiboot. Mit schneeweißem Körper sowie goldener Mähne
und Schweif war dieser Pegasus den heutigen Einhörner eng verwandt. (Als
Folge davon tauchten im Sommer 2018 Einhorn-Aufblasboote als
Aktionsprodukt in mehreren Handelsketten auf.\footnote{In den
  Niederlanden, wo ich wohne, in den großen Handelsketten \emph{Action}
  und \emph{Blokker}.}) Das Einhorn gehört somit zu einer größeren
Gattung des Pferds (und pferdeähnlicher Wesen) als Gegenstand kindlicher
und jugendlicher, weiblich stereotypierter Erotik. Im Gegensatz zum
gewöhnlichen Reitpferd ist das Einhorn jedoch magisch, daher nicht an
bestimmte Orte gebunden und kann - unter anderem als intime Kleidung,
Speise, Sexspielzeug und Tätowierung - buchstäblich einverleibt werden.

Im 19. Jahrhundert differenzierte der Anthropologe James George Frazer
``imitative'' Magie, zum Beispiel im Nachahmen eines starken Tiers, von
``ansteckender'' Magie wie dem Tragen eines Tierzahns als Talisman an
der Haut.\footnote{(Frazer, I, Kapitel III).} Diese Unterscheidung
machte der Linguist Roman Jakobson später zur Grundlage seiner
Neudefinition von (imitativer) Metapher und (kontiguitiver)
Metonymie.\footnote{(Jakobson, 258).} Die zeitgenössische
Einhorn-Popkultur ist imitativ-magisch und ansteckend-magisch zugleich,
metaphorisch \emph{und} metonymisch: Einhorn-Pyjamas, -Würste, -Boote,
-Tätowierungen und -Dildos sind sowohl Einhorn-Imitationen, als auch am
Körper getragene oder in den Körper einverleibte An-Steckungen. Dies
gilt selbst für die (vermeintlich) körperlosen Einhorn-Memes, die sowohl
Abbildungen von Einhörnern sind, als auch ansteckend in ihrer viralen
Verbreitung.

\hypertarget{einhorn-ruxfcckblick}{%
\section{Einhorn-Rückblick}\label{einhorn-ruxfcckblick}}

Dass die heutige Einhorn-Bildkultur japanische Manga-Ästhetik verwendet,
ist kein Zufall. Das erste moderne, verniedlichte Pastell-Einhorn,
\emph{Unico}, wurde 1976 von Osamu Tezuka als Hauptfigur einer
gleichnamigen Kinder-Comicheftserie gezeichnet, mit hellblau-weißem
Körper, rosa Haar und Schoßhund-ähnlichen Proportionen. Damit ähnelte
\emph{Unico} auffallend der Comicfigur \emph{Kimba, der weiße Löwe}, die
Tezuka zuerst in den 1950er Jahren gezeichnet hatte und die Hauptfigur
einer gleichnamigen Zeichentrickserie war, die seit den 1970er Jahren
unter anderem im ZDF-Kinderprogramm ausgestrahlt wurde.

Das heutige Regenbogen-Einhorn entstand in den frühen 1980er Jahren,
möglicherweise von \emph{Unico} inspiriert, in der Firma der
amerikanischen Illustratorin Lisa Frank. Seitdem hat es sich in Form und
Farbe nur unwesentlich verändert. Auch viele Internet-Einhorn-Memes sind
Lisa Frank-Einhörner oder Lisa Frank-Einhorn-Mutationen mit nachträglich
darübergelegtem Text. \emph{Lisa Frank Incorporated} wuchs in den 1980er
und 1990er Jahren zu einer der größten amerikanischen Marken für
Schulbedarf und Einrichtungsgegenstände für Kinder und Teenager.
Besonders populär waren ihre Schnellhefter mit aufgedruckten, in
verwestlichtem Manga- und Kinderbuch-Fantasy-Stil gezeichneten
Einhörnern, Pferden, Katzen, Kaninchen, Rehen, Eisbären, Seehunden,
Pandabären, Leoparden, Clowns in schrillen Pastell- und Regenbogenfarben
und naiv-psychedelischen Bildkompositionen. Alle Lisa Frank-Produkte
wurden schon in den frühen 1990er Jahren am Computer gezeichnet und
nahmen in ihrer digitalen Buntheit die Ästhetik der
Internet-Meme-Bildkultur vorweg.

Motivisch und bildästhetisch verwandt war die Figur \emph{My Little
Pony}, die der Hasbro-Konzern 1982 zunächst als Spielzeug auf den Markt
brachte; ein pastellfarbenes, im Manga-Stil gezeichnetes,
kindlich-verniedlichtes Pony in verschiedenen Inkarnationen, von denen
eine - ``Rainbow Dash'' - einen hellblauen Körper und regenbogenfarbige
Mähne und Schweif aufweist. \emph{My Little Pony} wurde zur Marke
ausgebaut und für unzählige Erzeugnisse lizenziert. In ihrem 2017
erschienenen Buch \emph{Ponyville Confidential: The History and Culture
of My Little Pony} untersucht die Sachbuchautorin Sherilyn Connelly die
``weiblichen Stereotypen und Ängste vor Weiblichkeit, mit denen das
Lizenzprodukt seit den 1980er Jahren belastet war''.\footnote{(Connelly,
  99).} Auch in der heutigen Fernsehwerbung für \emph{My Little
Pony}-Produkte treten nur Mädchen im vorpubertären Alter auf.

Im Netzforum \emph{4chan}, das 2003 als anonymes Manga- und
Anime-Fanmedium enstand und zum Brutplatz der Internet-Meme-Kultur und
der maskierten \emph{Anonymous}-Bewegung wurde, wurde das 2010
erschienene Computerspiel \emph{Robot Unicorn Attack} populär und zog
zahllose Memes und Fan-Comics nach sich. Im selben Jahr eskalierten auf
4chan die ``Pony Wars'' zwischen männlichen \emph{My Little Pony}-Fans
und -Hassern. Eine Rolle spielte hier auch die männlich-sexuelle
Aufladung von \emph{My Little Pony} in der auf 4chan stark präsenten
``Furry''-Subkultur, deren Teilnehmer sich als pelzige Cartoontiere
verkleiden und diese oft auch sexuell fetischisieren. Die ``Pony Wars''
endeten in der Auslagerung von \emph{My Little Pony}-Memes und -Postings
in ein spezialisiertes Unterforum ``/mlp''. Darüber hinaus waren sie
Vorbote des Entstehens militant frauenfeindlicher, weiß-rassistischer
und rechtsextremistischer Subkulturen auf 4chan. Ab 2014 wurde 4chan zum
Labor und zur Operationsbasis der ``Alt-Right'', die im Jahr 2016 ihren
``Meme War'' für Donald Trump und amerikanische Neofaschisten führte.

Lisa Frank-Produkte und \emph{My Little Pony} waren vor allem in den
USA, Südamerika und den Philippinen populär. Erst ab 2010 wurden
\emph{My Little Pony}-Erzeugnisse in größerem Umfang in Europa
vertrieben. Möglicherweise war dies bereits eine Folge der Bild- und
Memekultur des Internets. Lisa Frank Inc.~erreichte seine höchsten
Umsatzzahlen in den späten 1990er Jahren. Danach geriet die Firma in
eine Existenzkrise durch die Scheidung des Gründerpaars Lisa Frank und
James Green. Beiden wurde Kokainsucht und Ausbeutung ihrer Mitarbeiter
vorgeworfen. Die bei Lisa Frank angestellten Illustratoren verpassten
der Firma den Spitznamen ``Rainbow Gulag''.\footnote{(Morrissey).}

Lisa Frank-Produkte bilden nicht nur das historische Bindeglied zwischen
``Unico''-Mangas und Internet-Memes. Sie verkörpern auch die verlorene
Kindheitsästhetik der in den 1980er und 1990er Jahren geborenen
amerikanischen ``Millennial''-Generation.

Der Bedeutungswandel des Einhorns in dieser Generation zeigt sich am
Vergleich zur älteren, ebenfalls amerikanischen Subkultur des
\emph{Invisible Pink Unicorn (IPU)}. Es entstand 1990 im Internet-Forum
\emph{alt.atheism} als parodistische Anti-Religion ähnlich dem
bekannteren ``Flying Spaghetti Monster''. Das sowohl unsichtbare, als
auch rosafarbige Einhorn verkörpert als Fabel und logische
Unmöglichkeit, was der Atheist Richard Dawkins später ``Gotteswahn''
nannte. Sein gleichnamiges Buch führt das ``unsichtbare, untastbare,
unhörbare Einhorn'' als Beispiel für nicht-widerlegbare Hypothesen in
Glaubenssystemen auf.\footnote{(Dawkins, 53)} Während das
\emph{Invisible Pink Unicorn} Einhörner zu überkommenem Aberglauben und
Kitsch stempelte, erlebte Einhorn-Magie in den Regenbogen-Einhörnern der
2000er Jahre eine Renaissance, wenn auch halbironisch abgemildert als
popkultureller Camp.

In Deutschland und Teilen Europas ist die Ästhetik der Einhörner,
fliehenden weißen Pferde, Regenbogen und computergerenderten Prismen,
Spiegel- und Glasoberflächen spezifischer für die zweite Hälfte der
1980er Jahre, unter anderem in der Covergestaltung und den Musikvideos
des Popschlagerduos Modern Talking (u.a. für die LPs \emph{The 2nd
Album} und \emph{Romantic Warriors}, die Single \emph{Brother Louie}
sowie die Computereffekte des Musikvideos \emph{Geronimo's Cadillac}).
Hier ist das Einhorn Traumkitsch von der Resterampe der europäischen
Romantik.\footnote{Eine anthologisierte Literaturgeschichte des Einhorns
  findet sich in (Hörisch).} Zugleich imitiert Modern Talkings Grafik-
und Mediendesign amerikanische Film- und Fernsehästhetik seiner Zeit,
vor allem die damals stilbildende Serie \emph{Miami Vice}.

\hypertarget{einhorn-populismus}{%
\section{Einhorn-Populismus}\label{einhorn-populismus}}

Die Ästhetik von Miami Vice \& Co.~wird ab 2010 in der musikalischen und
visuellen Subkultur des \emph{Vaporwave} wiederbelebt. Vaporwave-Musik
imitiert 80er Jahre-Synthesizerpop im Eurodisco-Stil von Giorgio
Moroder, Modern Talking und anderen, in größtenteils pseudonym oder
anonym produzierten, oft übers Internet gratis verteilten
Instrumentalstücken. Vaporwave-Computergrafiken zirkulieren in denselben
Kanälen wie Memes und bestehen aus visuellen Versatzstücken von 80er
Jahre-Computerspielen, 90er Jahre-Microsoft Windows-Bedienelementen,
computerberechneten Spiegeleffekten und Lisa Frank-ähnlichen Regenbogen-
und Tierfiguren. In der Summe ergeben sie eine Camp-Version der
metallic-pastelligen Bildsprache der 80er-Jahre-Popkultur. Einhörner
sind in Vaporwave-Bildern häufig anzutreffen, fast immer pastell- und
regenbogenfarbig gestaltet und visuell oft abgeleitet von \emph{My
Little Pony} und dem \emph{Invisible Pink Unicorn}.

Wie fast alle kollektiv-anonym entstandene westliche Bildkultur der
letzten anderthalb Jahrzehnte hatte \emph{Vaporwave} seine Ursprünge auf
4chan, von wo es auf das Musikforum \emph{/mu/essentials} migrierte. Der
erste Vaporwave-Sampler ``/mu/ VAPORWAVE ESSENTIALS'' aus dem Jahr 2012
erschien mit dem folgenden Manifest:

\begin{quote}
``Global capitalism is nearly there. At the end of the world there will
only be liquid advertisement and gaseous desire. Sublimated from our
bodies, our untethered senses will endlessly ride escalators through
pristine artificial environments, more and less than human, drugged-up
and drugged down, catalysed, consuming and consumed by a relentlessly
rich economy of sensory information, valued by the pixel.''
\end{quote}

Der Text recycelt 1980er-Jahre-Baudrillard und 1990er-Jahre-Cyberkultur,
unterlegt sie mit einem apokalyptischen Grundton vom Ende der Geschichte
durch den globalen Kapitalismus, um zwischen den Zeilen anzudeuten, dass
nur Retrobewegungen noch Handlungsspielräume eröffnen: Wenn Gegenwart
und Zukunft verbaut sind, bleibt nur die Neuerfindung der Vergangenheit.
Vaporwave und alle zuvor genannten populären Internet-Bildkulturen
(einschließlich der Lisa Frank- und Little Pony-Memes sowie dem auf
4chan enstandenen ``Nyan Cat''-Meme einer fliegenden weißen Katze, die
einen regenbogenfarbigen Kondensstrahl ausstößt) sind daher nicht nur
nostalgische Rekonstruktionen verlorener Kindheiten. Sie artikulieren
einen populistischen Wunsch nach Handlungsräumen, der sich auf die
Vergangenheit projiziert.

Donald Trump, als Prominenter der amerikanischen 1980er Jahre und des
Fernsehzeitalters, verkörpert diese Macht der Handlung gegenüber dem
``Ende der Welt'' durch den ``globalen Kapitalismus''. Ab 2015 entstand
neben dem Hauptstrom der Vaporwave die Parallelbewegung des
\emph{Fashwave}, mit neofaschistischen und Trump-unterstützenden Bildern
und Elektropopcollagen im Vaporwave-Stil. Das wichtigste Medium der
militanten Alt-Right-Bewegung, der Blog \emph{The Daily Stormer}
(benannt nach der Nazi-Zeitung \emph{Der Stürmer}), ist im
Vaporwave-Stil gestaltet und fungiert als neofaschistische Meme-Fabrik.
Zu seinen Betreibern gehört der berüchtigte, zum Neonazismus
übergetretene Internet-Troll \emph{weev} (Andrew Auernheimer), den die
Medienwissenschaftlerin Gabriella Coleman in ihrem Buch über 4chan und
die ältere Anonymous-Bewegung porträtierte.\footnote{(Coleman).} In
Fashwave-Bildern finden sich, statt Einhörnern und \emph{My Little
Pony}-Figuren, Kriegspferde und Zentauren als Männlichkeitssymbole, die
klassische faschistische Ästhetik in pink-metallicer Färbung
fortschreiben.

Es gibt einen gemeinsamen Nenner aller bisher besprochenen rosa
Einhörner und Anverwandten, von Lisa Frank bis Vaporwave: Nicht nur ist
ihre Zielgruppe geschlechtlich festgeschrieben, so dass
Grenzüberschreitungen zu Konflikten wie den ``Pony Wars'' führen. Die
Zielgruppe ist auch ethnisch homogen. In den US-amerikanischen Lisa
Frank-Werbespots der 1980er und 1990er Jahre sind ausschließlich weiße,
in der Regel blonde Mädchen zu sehen. Selbst heute noch zeigt die
Fernsehwerbung für \emph{My Little Pony} - in den USA, Australien und
Brasilien - ausschließlich Mädchen, die entweder weiß oder weiß-gemischt
sind. Seit \emph{Kimba, der weiße Löwe} ist \emph{whiteness}
Identifizierungsmerkmal sowohl der Zeichenfiguren, als auch ihrer
Zielgruppe. (In Mittelalter und Frühneuzeit wurde das Einhorn zwar
häufig, aber nicht ausschließlich als weißes Tier dargestellt, z.B. auf
dem \emph{Tapestry of the Lady and the Unicorn} aus dem späten 15.
Jahrhundert, im \emph{Tudor Bestiary} aus dem 16. Jahrhundert oder auf
Domenico Zampieris Fresko des Einhorns und der Jungfrau aus dem frühen
17. Jahrhundert. Aus der heutigen Internet-Bildkultur sind Einhörner mit
dunklem Fell hingegen verschwunden. Das im Unicode-Zeichensatz seit der
Version 8.0 im Jahr 2015 standardisierte ``Unicorn Face''-Emoji ist, in
den Ausführungen von Apple, Google, Microsoft, Samsung und WhatsApp,
weiß mit pastellfarbenem Haar, bei Apple mit regenbogenfarbigem Horn.)

Auch die Popstars im Einhornkostüm sind ausnahmslos weiblich und weiß.
Taylor Swift, die im Jahr 2014 Bilder von sich im schneeweißen
Einhorn-Kostüm mit Engels- bzw. Pegasusflügeln via Instagram
verbreitete, wurde (ohne ihre Zustimmung) zum Idol amerikanischer
Neonazis und Bildmotiv rassistischer Alt-Right-Memes, was die
Kulturwissenschaftlerin Adriane Brown bereits im Jahr 2012 auf ihr in
Bild und Songtexten kultiviertes Image als ``weißes, heterosexuelles,
normativ-weibliches Mittelschicht-Mädchen'' und ``good girl''
zurückführt.\footnote{(Brown).} In der amerikanischen Popkultur schaffen
die Bildwelten magischer Einhörner, Ponies, Pegasus-Pferde einen
weiß-nostalgischen \emph{safe space}: eine heile Gegenwelt zu
politischen Zumutungen wie zum Beispiel den
afroamerikanisch-postkolonialen Bilderzählungen der Videos von Beyoncé.

Von seiner ethnisch-geschlechtsspezifisch-nostalgischen Codierung
abgesehen, lebt das heutige Meme-Einhorn vom Widerspruch seiner
exklusiven, magischen Aura und seiner Massenreproduktion. Dieser
Widerspruch von Verborgenheit und Sichtbarkeit war bereits im
\emph{Invisible Pink Unicorn} angelegt sowie in der 2013 entstandenen
Silicon Valley-Wortprägung vom \emph{Unicorn Startup} als eines
Gründerbetriebs, der noch nicht an der Börse notiert und trotzdem mehr
als eine Milliarde Dollar wert ist. Den Widerspruch von Exklusivität und
Massenreproduktion aufzulösen verspricht die \emph{Unicorn Coin}, eine
Kryptowährung mit pastelligen Comic-Einhörnern als Wappentier, die sie
als ``Lieblingssymbol der Leute'' und ``Magisches Wesen'' der Währung
bewirbt, das seine ``Exzellente Anschaffung'' verkörpert.\footnote{(Unicorn
  Coin).}

Das Einhorn verspricht Individualisierung, sowohl durch autoerotische
An-Steckung wie im \emph{Cosplay}, als auch in der gegenseitigen
Beziehung zwischen Mensch und Fabeltier. Dieses Versprechen ist zwar so
abgegriffen wie das vom Märchenprinzen, dessen Platz das Einhorn auf
geschlechtsunbestimmte, posthumane, stumme Weise einnimmt. Diesen
Widerspruch löst die Meme-Kultur aber in Halbironie und Camp auf. Die
Schwäche kritischer Rationalismen wie dem vom \emph{Invisible Pink
Unicorn} ist die Stärke der Meme-Kultur: dass sie Widersprüchlichkeit
nicht nur aushält, sondern sich ihr genußvoll hingibt.

\hypertarget{literatur}{%
\section{Literatur}\label{literatur}}

Boisserée, Clemens. „Kurioses Fleischprodukt: Wie schmeckt die
Einhorn-Wurst?" \emph{RP ONLINE},
https://rp-online.de/nrw/panorama/einhorn-wurst-so-schmeckt-der-bratwurst-hit\_aid-17987061.
Zugegriffen 25. Juni 2018.

Brown, Adriane. „`She Isn't Whoring Herself out like a Lot of Other
Girls We See': Identification and ``Authentic'' American Girlhood on
Taylor Swift Fan Forums". \emph{Networking Knowledge: Journal of the
MeCCSA Postgraduate Network}, Bd. 5, Nr. 1, Februar 2012.
\emph{ojs.meccsa.org.uk},
https://ojs.meccsa.org.uk/index.php/netknow/article/view/252.

Coleman, Gabriella. \emph{Hacker, Hoaxer, Whistleblower, Spy: The Many
Faces of Anonymous}. Reprint edition, Verso, 2015.

Connelly, Sherilyn. \emph{Ponyville Confidential: The History and
Culture of My Little Pony, 1981-2016}. McFarland, 2017.

Davis, Arianna. „What's Really Behind Unicorn Fever". \emph{Refinery29},
8. Mai 2017,
https://www.refinery29.com/2017/05/152423/unicorn-trend-explanation-history.

Dawkins, Richard. \emph{The God Delusion}. Bantam Press, 2006.

Frazer, James George. \emph{The Golden Bough}. Macmillan, 1950.

Hörisch, Jochen, Herausgeber. \emph{Das Tier, das es nicht gibt: Eine
Text- und Bild-Collage über das Einhorn}. Verlag Wilhelm Fink, 2005.

Jakobson, Roman. \emph{Word and Language}. Walter de Gruyter, 1971.

LaMarche, Uba. „Pony Up Haters: How 4chan Gave Birth to the Bronies".
\emph{Observer}, 3. August 2011,
http://observer.com/2011/08/pony-up-haters-how-4chan-gave-birth-to-the-bronies/.

Morrissey, Tracie Egan. „Inside the Rainbow Gulag: The Technicolor Rise
and Fall of Lisa Frank". \emph{Jezebel}, 12. Dezember 2013,
https://jezebel.com/inside-the-rainbow-gulag-the-technicolor-rise-and-fall-1179495705.

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http://en.wikifur.com/wiki/My\_Little\_Pony. Zugegriffen 28. Juni 2018.

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