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\begin{document}

\title{{},,Vier Gebote{}`` für Seminararbeiten}


\author{Florian Cramer}


\date{1.12.1999}

\maketitle

\section{Nachprüfbarkeit.}

Die Normen des akademischen Zitierens und Bibliographierens sind so
streng, weil der Leser das Quellenmaterial lückenlos rekonstruieren
und überprüfen können muß. 

Im Unterschied z.B. zu Zeitungsessays müssen akademische Arbeiten
ausnahmslos alle Texte nennen, die als Quellen benutzt wurden. Dies
gilt auch und gerade für theoretische Texte, von denen Sie Begriffe
oder Thesen übernehmen, sogar dann, wenn Sie eine vorgefundene These
für Ihre Zwecke abwandeln.


\section{Allgemeinverständlichkeit.}

Idealiter sollten akademische Arbeiten einem allgemeinen, interessierten
Publikum verständlich sein. Nur wenigen Akademikern -- wie z.B. Umberto
Eco und Hans Blumenberg -- gelingt es allerdings, auf hohem Niveau
Wissenschaftsprosa für ein breites Publikum zu schreiben. Seminararbeiten
sollten wenigstens einem allgemeinen Literaturwissenschaftler-Publikum
verständlich sein und sich nicht exklusiv an Spezialisten für eine
bestimmte Literatur oder eine bestimmte Theorie richten.

Denken Sie also beim Schreiben von Seminararbeiten nicht nur an den
Dozenten und dessen speziellen Wissenshorizont, sondern schreiben
Sie so, als wenn Sie Ihre Mitstudenten adressieren. Bemühen Sie sich
um eine klare Sprache und scheuen Sie sich nicht vor kurzen Sätzen.
Als Studienanfänger glauben Sie leicht, wissenschaftlich schreiben
bedeute, vorsätzlich umständlich zu schreiben, und in der Tat geben
Ihnen viele wissenschaftliche Publikationen schlechte Beispiele. Sie
werden feststellen, daß es viel schwieriger ist, komplexe Sachverhalte
auf den Punkt zu bringen, als diese Komplexität beim Schreiben zu
imitieren.


\section{Thesen belegen. }

(Dieses Gebot küpft eng an {},,Gebot{}`` Nr.1 an!)

Vorweg: Seminararbeiten sind nur dann gut -- und werden von mir auch
nur dann mit {},,gut{}`` oder {},,sehr gut{}`` benotet --, wenn
sie andere Texte nicht bloß zusammenfassen oder digestieren, sondern
eigenständige, kritische Lektüren wagen und eigene Thesen formulieren.
Daß {},,wissenschaftliche Arbeit{}`` darin bestehe, z.B. die Interpretation
eines literarischen Werks in der Sekundärliteratur möglichst neutral
darzustellen, ist ein Irrglauben. 

Daß Thesen belegt werden müssen, bedeutet, daß Ihre Arbeit argumentativ
geschrieben sein muß, reale und potentielle Gegenargumente berücksichtigt
und dabei unzweideutig ausweist, welche Überlegungen von Ihnen stammen
und welche Sie von anderen Quellen übernehmen. Bei Ihrer Argumentation
gilt: Differenzierung und Sensibilität sind die höchsten Tugenden
literaturwissenschaftlicher Arbeit. Hüten Sie sich, so gut es geht,
vor pauschalen Feststellungen (wie etwa.: {},,John Donnes \emph{Nocturnall
upon St. Lucie's Day} ist ein barockes Gedicht. Es zeichnet sich durch
übersteigerte Metaphern aus, wie sie für Barockdichtung typisch sind{}``).
Natürlich sind Verallgemeinerungen in der Praxis unvermeidlich. Wenn
Sie also verallgemeinern, explizieren Sie dies, indem Sie zum Beispiel
schreiben, daß Ihnen Ihre Arbeitshypothese \emph{X} für Ihre Darstellung
nützlich scheint, Sie sich aber bewußt sind, daß es die Gegenthesen
\emph{Y} und \emph{Z} gibt. 


\section{Es gibt keine heiligen Texte.}

Als Literaturwissenschaftler lesen wir jeden Text als etwas Konstruiertes.
Dies gilt für einen Roman oder ein Gedicht ebenso wie für eine historische
oder religiöse Quelle -- und nicht minder für philosophische und literaturtheorische
Texte.

Eine These ist nicht selbstevident und automatisch {},,wahr{}``,
nur weil sie ein anderer, vielleicht prominenter Literaturwissenschaftler
oder -theoretiker aufgestellt hat. Zitieren Sie Theoretiker nicht
als scholastische Autoritäten, die Ihre Lektüre (vermeintlich) legitimieren.
Theorien sind {},,Sichtweisen{}`` {[}\emph{theoria}, gr.-lat. für
{},,die Betrachtung{}``{]}, die Sie dazu anregen, einen neuen Blick
auf ein Thema zu gewinnen und Ihren eigenen Standpunkt zu überdenken,
womöglich sogar radikal. Theorien und Theoretiker sind aber nicht
dazu da, stellvertretend für Sie zu denken.
\end{document}
