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\begin{document}

\title{Das einzigartige Buch des Acumens und der Argutia }


\author{Kazimierz Maceij Sarbiewski (Übersetzung: Florian Cramer)}

\maketitle
{\centering in dem am Beispiel \\
Senecas und Martials \\
Epigramme, Schmuck der Rede\footnote{%
\emph{Coloribus declamationis}: Amplifikation durch rhetorischen Schmuck.
Nach Lausberg im engeren Sinne die ,,parteiische Färbung eines objektiven
Sachverhalts, besonders im verkleinernden (mildernden, rechtlich verharmlosenden)
Sinne``. Heinrich Lausberg, \emph{Elemente der literarischen Rhetorik},
Ismaning 1963, S. 36
}und zierreiches Schreiben behandelt werden \\
Jedem nützlich, der lernen will, scharfsinnig zu schreiben und zu
reden\par}


\section{Zur Übertragung:}

Ich habe das Wort {},,acumen{}`` im Lateinischen belassen, um seine
Doppelbedeutung -- ,,Scharfsinn`` und ,,Schwertspitze`` -- zu erhalten
,,Acutus`` ist i.d.R. als ,,zugespitzt`` wiedergegeben. Die {},,Argutia{}``
definiert Sarbiewski im letzten Kapitel seines Traktats als schmuckreichen
Ausdruck, der durch eine Vielzahl von Tropen oder dialektischen Verfahren
konstituiert werden kann und somit als das irreguläre Komplement des
,,acumen`` funktioniert.\\
{[}FC{]}


\section{Kapitel 2, \protect \\
in dem die lehrsätze über das Wesen des acumen einander angeglichen
werden}

Nachdem ich also alle griechischen und lateinischen Autoren gründlich
gelesen hatte, die Acumen und schmuckreiche Rede in ihren Werken fortzuentwickeln
suchten, und dieses Problem jedesmal ausgiebig mit den gelehrtesten
Männern in Polen, Deutschland, Frankreich und Italien erörterte, ist
dies die wahre und von meinen Kollegen anerkannte Definition des Acumen:

\begin{quote}
Das Acumen ist eine Rede, in der unstimmige {[}{},,dissentanei{}``,
wörtlich: einander widerstrebende{]} und stimmige {[}{},,consentanei{}``,
einander zustrebende{]} Anteile zusammentreffen, sei es in einträchtiger
Zwietracht oder in zwieträchtiger Eintracht des Gesagten.
\end{quote}
Wie zuvor zu diesem Wesen des Acumen versuche ich nun, den Anfänger
anhand eines Vergleichs so klar wie möglich weiterzuführen. 


\subsection{I}

Ein mathematisches oder körperhaft konstruiertes Acumen ist nichts
anderes als ein Dreieck, der Zusammenlauf zweier Schenkel, ihre Verbindung
und ihr Aufeinandertreffen in einem gemeinsamen Schnittpunkt, also
das, was wir an Keilen, Schwertern und Pfeilen beobachten, die wir
scharf (acuta) nennen. Aus ihnen entsteht das Acumen als eine Spitze,
die wir wiederum selbst Acumen nennen, und deren Form von zwei zusammenlaufenden,
sich gegenüberliegenden Schenkeln gebildet wird; zuerst scheinen sie
einander entgegengesetzt und widersprüchlich zu sein, doch langsam
und allmählich kommen sie einander entgegen, streben gewissermaßen
aus dem gemeinsamen Fundament hervor, bis sie innig zu einer Spitze
zusammenwachsen.

Gleichermaßen zugespitzt ist das Rhetorische, denn die einfache Darlegung
(expositio) der Dinge und des Erzählstoffs bildet ein gewisses Fundament,
oder eine Grundlinie, die Basis genannt wird. Aus ihr entspringen
wie aus einem Fundament zwei gegenüberliegende Stränge, von denen
der eine etwas enthält, das mit dieser Materie stimmig ist, und der
andere etwas, das nicht mit ihr stimmig ist. Um ein Acumen zu bilden,
müssen Stimmiges und Unstimmiges aufeinander treffen und so zusammengehn,
daß sie vom selben Fundament gestützt werden. Also scheint der eine
Strang klar von der Materie -- oder Basis -- zu differerien, während
der andere klar mit ihr übereinstimmt oder zumindest vorzugibt, mit
ihr übereinzustimmen. So, wie das mathematische und konstruierte Acumen
in der Vereinigung zweier unterschiedlicher Schenkel besteht, die
gegeneinander aus einem Dritten hervorwachsen, so besteht auch das
rhetorische Acumen notwendig in der Vereinigung und Affinität eines
unstimmigen und eines stimmigen Strangs, die beide derselben Materie
hervorgegangen sind, jener nämlich, die der Rede zugrundeliegt. 

Die verschiedene Arten des Acumen seien Ihnen hier in Schaubildern
vor Augen geführt:

\vspace{0.3cm}
{\centering \fbox{\rule[-0.5in]{0pt}{1in}Der Pfad für die Abbildung ist leer!} \par}
\vspace{0.3cm}

\begin{quote}
Wieso kann ein hungriger Löwe seine Beute verschonen? \\
Weil Du es ihm befohlen hast: also kann er es.
\end{quote}
Sehr deutlich geht dies aus Martials Beispiel des kaiserlichen Löwen
hervor, der trotz seines Hungers die Hasen, die in seinem offenen
Maul herumlaufen, lebendig, wenn auch blutend, zurückläßt. Hier erkennen
wir vier Elemente, in denen allesamt das Acumen verankert ist:

\begin{enumerate}
\item Die Materie selbst, über die scharfsinnig zu schreiben der Dichter
sich vornimmt, wie etwa ein Löwe, der Hasen verschont. Sie steht am
Anfang, -- siehe Schenkel A.
\item Das widerstrebende Moment, das bereits in der Materie angelgt ist;
daß nämlich ein hungriger Löwe seine Beute verschonen könne, die er
schon gefangen und fast hinuntergeschluckt hat. Dies kommt im ersten
kleinen Schlußvers zu Ausdruck:

\begin{quote}
Wieso kann ein hungriger Löwe seine Beute verschonen?
\end{quote}
-- siehe Schenkel B.

\item Auch das stimmige Moment ist in der Materie enthalten, und zwar darin,
daß dieser Löwe kein gewöhnlicher ist, sondern einer, der vom Cäsaren
gezähmt und am Blutvergießen gehindert wurde. Demnach steht es dem
Löwen zu, seinem Herrn zu gleichen. Dies geht aus folgenden Worten
hervor:

\begin{quote}
Weil Du es ihm befohlen hast:
\end{quote}
-- Schenkel C.

\item In der Vereinigung, der Übereinkunft des Unstimmigem und des Stimmigen,
liegt selbst ein Moment der Zuspitzung, da es ja tatsächlich dazu
kommt, daß der hungrige, wiewohl kaiserliche Löwe seine Beute geschont
hat. Dies geht aus folgenden Worten hervor:

\begin{quote}
Also kann er es.
\end{quote}
-- im Punkt D.

\end{enumerate}

\subsection{II}

Unsere Art, die Definition des Acumen zu untersuchen, wird sowohl
dessen Wirkung, als auch dessen Eigenart gerecht. Wirkung und Eigenart
des Acumen sind also, Verwunderung (admiratio) und Ergötzen (delectatio)
der Zuhörerschaft einhergehen zu lassen. Fürwahr entsteht Verwunderung
aus dem Unerwarteten, daraus, daß wir nie etwas erwarten können, dessen
Ursache uns verborgen gewesen ist und wir demgemäß nicht vermutet
hätten, daß es geschehen könne. Denn wie Aristoteles lehrt, entsteht
Verwunderung stets aus Unkenntnis der Ursachen. Wenn diese Verwunderung
jedoch mit Ergötzung einhergeht (wie stets, wenn uns etwas scharfsinnig
erscheint, denn wir bewundern, was ergötzt), muß es andererseits offensichtliche
Gründe für diese Verbindung geben, die nahe jenem verborgen liegen,
das wir geschehen sehen, da wir nicht vermuten konnten, was sich ereignen
würde. So, wie eher das Unstimmige Verwunderung erregt, weil wir aufhorchen,
wenn etwas Unstimmiges geschieht, so ergötzt uns eher das Stimmige,
denn sobald wir Dinge, von denen die Rede ist, unstimmig finden, sehen
wir, daß sie zugleich stimmig sind. Die Verbindung von Verwunderung
und Ergötzung entsteht demnach aus der Verbindung von Unstimmigkeit
und Stimmigkeit.

Daß dies, obwohl es bereits einsichtig sein sollte, zudem wahr ist,
bleibt noch zu prüfen. Daraus, daß sinnliches Vergnügen und gewisse
Spielarten der Weitläufigkeit, Zerstreuung und Verschwendung auf Abwechslung
angewiesen sind, um sich zu auszudehnen, zerstreuen und auszuströmen,
folgt, daß auch dem Acumen, so denn es uns ergötzt, ein Moment der
Mannigfaltigkeit zugrundeliegen muß, und zwar in jener Einheit, die
zugleich als zerstreuender Geist und sich ausdehnende Vielheit beschrieben
werden könnte. Und da wir uns am Acumen nicht teilnahmslos, sondern
mit Bewunderung erfreuen, kommt seine Mannigfaltigkeit einerseits
durch etwas schon Bekanntes zustande, andererseits durch etwas, das
ihm zwar vorausgeht, aber gewissermaßen unbekannt bleibt. Würde alles
bereits bekannt sein, so käme die Wendung nicht unerwartet und würde
demgemäß weder verwundern, noch ergötzen. Daraus folgt, daß ein Teil
dieser Vielheit zuvor bekannt sein muß, wie etwa die Gewohnheiten
eines hungrigen Löwen, ein anderer hingegen unbekannt, wie ein hungriger
Löwe, der, obwohl er dem römischen Kaiser gehört, Sanftmut walten
läßt. Weshalb aber ein hungriger Löwe, ob hungrig oder weil er nunmal
ein Löwe ist, zahm sein kann, muß verborgen bleiben. Ja, jeder Gegensatz
muß zuerst erklärt und erkannt worden sein, entweder ausdrücklich
oder implizit, denn dies ist das Element des Unstimmigen, das zuerst
erkannt werden muß, im ersten Teil unseres Beispiels:

\begin{quote}
Wieso kann ein hungriger Löwe seine Beute verschonen?
\end{quote}
Der zweite Teil ist nur aus seiner Abfolge heraus verständlich, denn
alles, was in ihm gesagt wird, kommt unerwartet:

\begin{quote}
Weil Du es ihm befohlen hast:
\end{quote}
Merke jedoch, daß nicht immer das Unstimmige zuerst aufgefaßt werden
muß und danach erst das Stimmige, sondern daß auch erst das Stimmige
und schließlich das Unstimmige erkannt werden kann. Ein Acumen ist
nämlich, wie bereits gesagt, eine Annäherung von Unstimmigem und Stimmigem,
ob nun das eine vorangeht oder das andere vorab oder später bekannt
wird. Die Vereinigung beider kann gleichermaßen einträchtige Zwietracht
wie zwieträchtige Eintracht genannt werden. Also etwas, das viele
offensichtlich nicht zu erkennen vermögen. Deshalb, um wieder von
vorne zu beginnen, ist die Ursache von Verwunderung und Ergötzen einerseits
das Unerwartete, das einer Sache widerfährt, andererseits das schon
Erwartete; so daß Überraschung und Bestätigung sowohl im vorhandenen,
fast objektiv zu Erwartenden als auch -- wie bereits erwähnt -- im
nicht zu Erwartenden begründet sind, in jenem Moment also der Verbindung
von Unstimmigkeit und Stimmigkeit. Oft fordert ein Ausdruck unser
Denkvermögen plötzlich heraus, dann nämlich, wenn etwas Unvorhergesehenes
geschieht, oder zumindest das Vorhergesehene nicht geschieht, was
unser Erstaunen weckt. Tritt aber aus irgendeinem Grund statt des
Unstimmigen etwas Stimmiges auf, ergötzt uns der Ausdruck weiterhin,
weil er gewissermaßen jeden der beiden Teile hervorhebt, sich in ihnen
aufhebt, und in ihrer wunderbaren Zusammenkunft geeint wird, selbst
wenn zuvor erwartet wurde, daß etwas Widersprüchliches auftreten werde,
dann aber etwas Stimmiges auftritt, oder umgekehrt. Die Frucht dieser
Verschiedenheit gedeiht in der Übereinkunft beider:

\begin{quote}
Also kann er es.
\end{quote}
Merke aber, daß es nicht erforderlich ist, das Unstimmige und das
Stimmige selbst vorab zu kennen, sondern lediglich den Zusammenhang
oder das Fundament, da sich das Stimmige sich zum Unstimmigen so verhält,
daß sobald eins erkannt wird, das andere seinem Wesen nach latent
vorliegt und somit nicht erkannt werden muß. Deshalb ist das Erkennen
selbst sowenig erforderlich wie jenes formal definierte Element des
Unerwarteten, auf das Pater Petavius\footnote{%
Anm.: Dénis Peteau
} abzuheben schien. Der Beweis ist, nach tausendfacher Lektüre zugespitzter
Epigrammschlüsse, daß auch ein Schluß wahrhaft zugespitzt sein kann,
der etwas Bekanntes, schon öfter Erwogenes enthält, ob in seinem unstimmigen
oder in seinem stimmigen Anteil, und selbst dann, wenn uns einer dieser
beiden nicht überrascht. Also liegt die Essenz des Acumen nicht darin,
form- und wirkungsgemäß {[}\emph{formaliter et actualiter}{]}, sondern
aus der Möglichkeit und dem Zusammenhang heraus {[}\emph{virtualiter
et fundamentaliter}{]} unerwartet zu sein. Das der Möglichkeit und
dem Zusammenhang gemäß Unerwartete ist jedoch nichts anderes als die
Verbindung von Unstimmigen und Stimmigen. Dies nämlich ist der letztliche
Grund, weshalb uns etwas unerwartet scheinen kann, selbst wenn es
sich an einen Gegenstand heftet.

Dies ist meine altbekannte These zum Wesen des Acumen, der alle Gelehrten
zustimmten, die meiner diesbezügliche Rede in Rom gehört hatten, sowie
in vielfachen Briefen Pater Bauhusius,\footnote{%
Anm.: Der jesuitische Lyriker Bernhard von Bauhuysen
} Pater Raderus,\footnote{%
Anm.: Der jesuitische Rhetoriklehrer Matthias Rader
} Pater Caussinus, Pater Cornelius Hugo in seinen Briefen an unsere
belgischen Brüder, und besonders auch Famianus Strada, Johannes Baptista
Serranus, der seinen Redekunst nunmehr mit dem Acumen angereichert
hat, Pater Petrucius, Alexander Donatus und Franciscus Guinisius.


\end{document}
